Der Schwarm II

Bienenschwarm

Ich bin kein sehr spontaner Mensch, und ich weiß warum. Ich mag keine Nachträge. Geschichten müsen fertig sein, möglichst mit Anfang, Hauptteil und Schluss in der richtigen Reihenfolge. Deshalb klicke ich fast nie auf „sofort veröffentlichen“. Ich lasse die Dinge lieber liegen, bis ich sicher bin, dass sie fertig sind.

Die gestrige Geschichte schien mir abgeschlossen. Die Wahrscheinlichkeit, dass mir noch einmal ein Bienenschwarm über den Weg fliegt, war gering. Dabei hätte ich es wissen müssen. Es scheint ein gutes Bienenjahr zu sein. Nach dem Essen saß ich im Garten und wieder flog dieses wundersame Gebilde über mich hinweg. Diesmal war alles ganz normal, kein aufgeregtes Kribbeln im Bauch, nichts Sensationelles. Ich habe einfach nur mein Fahrrad und das Tablet genommen. Ein paar Gärten weiter blieb der Schwarm stehen. Die Bienen kreisten durcheinander, ich stand mittendrin. Vielleicht eine Viertelstunde.

Es war klar, dass sie nicht mehr weiter ziehen würden. Sie begannen sich in einem Nadelbaum zu sammeln. Ich habe noch gefragt, ob ich in den Garten gehen und ein Foto machen darf. In der Zwischenzeit haben sich die Nachbarskinder aufgemacht, um einen Imker zu holen. Der hat die Bienen später ganz unspektakulär abgeholt.

Es wird also alles wieder gut. Bienen dürfen noch ganz normal schwärmen. Nicht jeder Imker unterdrückt das Schwarmverhalten und teilt seine Stöcke per Hand. Und selbst die Kinder wussten, was zu tun ist. Nur komisch, dass alle so getan haben, als wäre dieses Bienengebilde gefährlich. Ich war der einzige, der ganz nah ran gegangen ist, um sein Foto zu machen. Aber vielleicht gibt es noch mehr Dinge, die ein Städter über Bienen nicht weiß…

Der Schwarm

Heute habe ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas gesehen, von dem ich dachte, dass es mir auch nie begegnen wird, weil ich gelesen habe, dass es nicht mehr existiert. Wir standen am Nachmittag am Gartenzaun, tratschten mit der Nachbarin, und plötzlich verdunkelte sich der Himmel. Hinter der Hausecke erschien ein Bienenschwarm, flog über uns hinweg und verzog sich Richtung Nachbargarten.

Aus Büchern und Artikeln weiß ich, dass Bienenstöcke heute mit dem Besen geteilt werden. Der Imker entnimmt die Waben und kehrt einen Teil des Volkes in eine neue Zarge. Davor versucht er, die Schwarmneigung so lange wie möglich zu unterdrücken. Wenn trotzdem einmal eine Königin mit ihrem Gefolge auskommt, dann ist etwas schief gegangen.

Honigbienen sind heute domestiziert. Sie haben so viel mit der Vorstellung von Bienen in einem hohlen Baum gemeinsam wie ein Hund mit einem Wolf. Trotzdem war das, was wir heute gesehen haben, ein Stück wilde Natur. Es war wie ein Gruß von früher. Für mich, der ich in der Stadt aufgewachsen bin, war es neu. Ich habe noch nie so viele Insekten auf einmal erlebt, aber die anderen meinten nur, sie hätten schon größere Schwärme gesehen.

Vor ein paar Jahrzehnten war das, was heute über uns geflogen ist, ganz normal. Und vielleicht wird es das ja auch wieder. Vielleicht ist all die Diskussion um Bienensterben und Pestizideinsatz auch eine Chance für ein Umdenken in der Imkerei, das die Bienen in Zukunft wieder mehr Wildtier sein lässt. Dieser Schwarm heute hatte jedenfalls nichts Domestiziertes, das war einfach nur eine unglaubliche, wilde Naturgewalt.

Wenn Königinnen arbeiten

Dass Hummelmütter Königinnen heißen, ist ziemlich daneben gegriffen und wurde von den Honigbienen übernommen. Die Bienenkönigin genießt von Anfang an eine Sonderstellung, sie bekommt eine größere Brutzelle, eigenes Futter und später aufwändige Pflege mit eigenem Personal. Arbeiten muss sie ihr Leben lang nicht.

Ackerhummel in KolkwitzieWie viel anders verläuft das Leben einer Hummelkönigin! Sie ist im Frühling ganz auf sich allein gestellt. Sobald der Boden nicht mehr gefroren ist, macht sie sich an die Arbeit. Und die Aufgaben, die sie zu erledigen hat, sind zahlreich. Sobald sie den ersten Hunger gestillt hat, heißt es, einen geeigneten Unterschlupf zu suchen, um den Bau anzulegen. Sie formt aus Wachs die ersten Zellen, legt die Eier hinein, schafft Vorräte herbei und sorgt auch noch brütend dafür, dass die Larven im kalten Frühjahr bei gleichbleibender Temperatur heranwachsen. Erst Ende Mai kann sie sich in den Untergrund zurück ziehen und der nächsten Generation die Arbeit überlassen. Bis dahin ist das Fortkommen des Hummelstaats ausschließlich von ihr abhängig. Mit einem Ausfall der Königin geht die Kolonie zu Grunde.

Seit den 1980er-Jahren werden Hummeln kommerziell zur Bestäubung eingesetzt. Dabei werden Nester künstlich vorgezogen, die Bestäubung erfolgt also von Anfang an durch Arbeiterinnen, nicht durch die Königin. In der Natur läuft das anders ab: In kaum einer Jahreszeit sind Hummeln so präsent wie im Vorfrühling. Sobald die Erde aufgetaut ist, brummen die fleißigen Königinnen durch den Garten und übernehmen einen Gutteil der Bestäubungsarbeit. Viele Arten sind nur in dieser Zeit auffällig, weil die Arbeiterinnen im Sommer dann deutlich kleiner sind.

Und die Zahl der Hummeln in unserem Garten nimmt im Jahresverlauf nicht wirklich zu. Das hängt damit zusammen, dass das Leben der Königinnen nicht nur anstrengend sondern auch gefährlich ist. Der Konkurrenzdruck ist hoch, und nur wenige schaffen es, einen Staat zu gründen. Viele bleiben ihr Leben lang Arbeiterinnen und nur wenige erreichen die Phase, in der sie ihrem Namen gerecht werden und wirklich als Königinnen in ihrem unterirdischen Bau von ihren Töchtern versorgt werden.

AckerhummelkoeniginDer April war dieses Jahr ungewöhnlich warm. Oft habe ich den Nachmittagskaffee draußen im Garten getrunken. Neben meinem Sitzplatz ist ein kleines Loch im Boden, das unter eine Holzterasse führt. Hunderte Male habe ich dort die rechts abgebildete Ackerhummel verschwinden sehen. Nach ihr konnte man die Uhr stellen. Anfangs hat sie viel Zeit im Bau verbracht, aber zum Schluss war sie nur noch ein paar Minuten unter der Erde, dann war sie wieder unterwegs. Um die zwanzig Minuten dauerte ein Sammelflug, dann huschte sie erneut in den Untergrund, um ihre Brut zu versorgen. Sie war eine fleißige Arbeiterin. Ich habe die Präzision bewundert, mit der sie immer am gleichen Punkt gelandet ist, um dann flugs in ihrem Bau zu verschwinden. Nicht alle Hummeln können sich so perfekt orientieren. Trotzdem hat sie es nicht geschafft. Seit Pfingstmontag ist es neben meinem Sitzplatz ruhig.

Mittlerweile ist die nächste Geration am Zug. Die Zeit, in der die Königinnen arbeiten, ist vorbei. Die jungen Ackerhummeln, die im Moment unsere Himbeeren bestäuben, stammen aus einem mir unbekannten Nest. Das passiert mir eigentlich jedes Jahr, dass ich im Frühling zahlreiche Hummelköniginnen beobachte, deren fleißige Arbeit unbelohnt bleibt. Auch das ist in der Natur so vorgesehen. Im März graben sich viele aus der Erde, und nur die wenigsten schaffen es, sich zu vermehren. So bleibt die Zahl der Hummeln über den Sommer halbwegs konstant. Nur für den Blog bleibt halt nichts, worüber man berichten kann. Darauf vergisst die Natur in unserem Garten leider öfters.

Aber glücklicherweise gibt es auch Erfolgsgeschichten. Sobald die ersten Arbeiterinnen ausfliegen, wird der Hummelstaat eine stabile Population. Mit der Königin unter der Erde, die von ihren Töchtern bedient und beschützt wird, kann nicht mehr viel passieren, so wie mit der Steinhummel, die vorher eine Erdhummel war. Das ist jetzt ein Cliffhanger, ich weiß, aber ich verspreche, in diesem Sommer wird noch einiges über unsere Hummeln zu berichten sein, auch wenn die Ackerhummel, die sich unter unserer Holzterrasse eingenistet hat, leider aus dem Rennen ist.

24 Köpfe in einer Wanne

Die lästigen Wegschnecken nehmen in unseren Gärten unter anderem auch deshalb überhand, weil wir ihnen ideale Bedingungen liefern: Wir lockern ihnen die Erde auf, damit sie leichter ablaichen können, und wir füttern sie, wo wir nur können.

24_koepfeDen Zugang zu schmackhafter Nahrung kann man ihnen erschweren, indem man Salat und andere empfindliche Pflanzen in geschützten Hochbeeten anbaut. Der Kauf eines handelsüblichen Hochbeets amortisiert sich meist erst in einer der übernächsten Generationen, deshalb empfiehlt sich, dafür einen alten Bottich oder ein großes Gefäß zu verwenden, das sonst im Sperrmüll landen würde.

Unsere alte Standbadewanne war in mehrerlei Hinsicht praktisch. Der überstehende Rand ist für die Schnecken eine zusätzliche Kletterbarriere, und ein geeigneter Abfluss zur Vermeidung von Staunässe ist auch vorhanden. Diesen schützt man gegen Wühlmäuse mit einem Gitterrest. Anschließend schlichtet man ein paar große Steine hinein, um eine kleine Drainage zu schaffen. Auf diese kommen klein geschnittene Äste und eine Schicht Laub oder Rasenmulch. Diese Unterlage deckt man mit einer Mischung aus Erde und Kompost ab.

Im Laufe des Jahres sinkt die Füllung etwas ein. Die Differenz füllt man vor der nächsten Saison wieder mit Komposterde auf. Hochbeete stehen meist etwas exponiert, das heißt, sie sind im Winter verstärkt dem Frost ausgesetzt. Für Wintersalate eignen sie sich also weniger. Diese kann man beruhigt in normalen Beeten ziehen, weil die Schnecken im Winter keine Gefahr darstellen.

Das Foto ist übrigens vom letzten Jahr. So schön in Reih und Glied steht der Salat heute nicht mehr. Die setze ich mittlerweile gestaffelt. Wer will schon haben, dass 24 Salatköpfe gleichzeitig reifen.

Das Leben unter der Erde

Wer nicht alles im Garten dem Zufall überlassen und an manchen Stellen auch sein eigenes Gemüse anbauen möchte, muss hie und da Erde bewegen. Das eine oder andere Beet will umgestochen werden, der Kompost muss aufgetragen oder die Kartoffeln angehäuft werden. Es ist jedesmal ein kleines Drama mit Spaten und Schaufel.

In einer Ecke unseres Gartens ist ein Erdhaufen, auf dem auch Äste und Pflanzenteile landen. Ich nehme mir immer wieder vor, Teile davon abzutragen, aber er wird eher größer als kleiner. Kaum habe ich eine Schaufel voll Erde hochgehoben, schaut mich irgend etwas an. Und damit meine ich nicht nur die unausweichlichen Regenwürmer, die im Laufe der Evolution ihre unglaubliche Regenerationsfähigkeit entwickelt haben, um später dagegen gerüstet zu sein, dass sie von Schaufeln zweigeteilt werden. Es sind nicht nur die Hunderfüßer, Asseln und Insekten, die überall herumkriechen. Einmal habe ich mit der Arbeit sofort wieder aufgehört, weil mich eine Erdkröte vorwurfsvoll anstarrte. Und dann sind da noch die pelzigen Erdbienen, die mich im Frühjahr immer umkreisen, sobald ich eine Schaufel in die Hand nehme. Mir ist nie ganz klar, ob sie sich über die aufgelockerte Erde freuen, weil sie darin ihre Brutbauten anlegen können, oder ob sie verzweifelt nach bereits angelegten Bauten suchen, die ich ihnen gerade abgedeckt habe.

Fest steht jedenfalls, dass unter der Erde mindestens genauso viel lebt wie auf ihr und dass uns das in den seltensten Fällen bewusst ist. Wir legen uns „unter“ einen Baum in den Schatten und ruhen doch auf einem Wurzelballen, der vielleicht so groß ist wie die Krone über uns. Wir sprechen von Erdoberfläche und meinen die Trennlinie zwischen oben und unten, dabei hat jedes Erdkorn eine eigene Oberfläche und auf jedem Quadratmillimeter sitzt unter uns eine Unzahl von Bakterien und Mikroorganismen, die permanent Biomasse abbauen, um über der Erde Leben zu ermöglichen. Es ist ein riesiges Filtersubstrat, das darauf spezialisiert ist, unseren Dreck zu verarbeiten, und es ist gut möglich, dass unter der Erde mehr lebt als über ihr.

Letzte Woche habe ich im Garten eine Blindschleiche gesehen. Die erste seit Jahrzehnten. Neugierig habe ich recherchiert, wovon sie sich ernährt: Regenwürmer. Diese Vorliebe teilt sie sich mit Igeln, Maulwürfen, Kröten, Fröschen, Vögeln und vielen anderen. Es ist unglaublich, wie viel unter der Erde lebt und wie viel von dem lebt, was unter der Erde lebt. Und es ist genauso unglaublich, wie nachlässig wir mit diesen Erdbewohnern umgehen. Wir kippen haufenweise Gülle, Dünger und Pestizide über unsere Felder und denken, es wird schon passen. Solange oben der Mais nur möglichst schnell in die Höhe schießt, muss ja alles richtig sein.

Kartoffelbeet

Mag sein, dass ich beim Anhäufeln meiner Kartoffel den einen oder anderen Regenwurm zerkleinert und die Brutplätze der Erdbienen durcheinander gebracht habe. Mag auch sein, dass an der Stelle, wo unsere Gemüsebeete sind, genauso gut Raupenfutterpflanzen und eine Blumenwiese für Wildbienen gedeihen könnten. Fix ist aber auch, dass in einem Garten diese Dinge viel kleinteiliger passieren als beim Landwirt auf dem Feld. Ein Kartoffelfeld ist eine großflächige Monokultur, ein Gemüsegarten ist nur ein flächenmäßig kleiner Teil, der manchmal sogar die Biodiversität insgesamt erhöht. Und das merkt man am Ergebnis. Mit ein bisschen Kompost und Erfahrung wächst eigentlich alles von selbst, ganz ohne zusätzlichen Dünger und Chemie.

Vieles von dem, was in unserem Garten wächst, tut dies mit der Hilfe unserer  unterirdischen Gartenbewohner. Aber auch diese profitieren von dem, was wir hier heroben machen. Nirgends in unserem Garten ist so viel Leben unter der Erde wie auf dem Komposthaufen. Die Würmer mögen nämlich in Wirklichkeit unseren Dreck, aber es kommt wie immer auf die richtige Dosis an.