Die Rohrkolbeninvasion

Als ich die ersten Pflanzen für unseren Gartenteich gekauft habe, waren auch Rohrkolben dabei, konkret ein Stück Rhizom. Aus diesem Wurzelstück ist nie auch nur das kleinste Stück Rohrkolben herausgewachsen. Es war eine klassische Totgeburt. Im Winter darauf habe ich beim Spazierengehen entlang des Seeufers von einem aufgeplatzten Rohrkolben die Watte mitgenommen. Diese Samen habe ich dann im Frühjahr auf der Wasseroberfläche verteilt. Zunächst dachte ich, sie hätten ebenfalls spontan und unmittelbar das Zeitliche gesegnet. Außer ein paar gräserartigen Halmen von maximal 30 Zentimeter Höhe am Teichrand war nichts zu sehen. Im zweiten Jahr waren diese Halme schon hüfthoch und fleißige Rhizomwurzeln haben sich auf den Weg ins tiefere Wasser gemacht. Hätte ich nicht Teile davon ausgerissen, wäre wahrscheinlich sehr schnell ein breiter Streifen im Uferbereich nur noch von Rohrkolben bewachsen gewesen.

Unter Ausnützung von Wind und Wasser sind viele Pflanzen erstaunlich leistungsfähige Wandergesellen. Der Rohrkolben hat eine besonders effiziente Strategie. Die Samen sind leicht und watteförmig. Der Wind trägt sie im Winter bei günstiger Witterung kilometerweit über die schneebedeckte Landschaft. Treffen sie auf Wasser, gehen sie nicht gleich unter, sondern treiben mit der Strömung ans nächste Ufer. Dort wurzeln sie sich fest und breiten sich im nächsten Jahr ins tiefere Wasser aus, um im dritten Jahr zu blühen und den Verbreitungsweg in Windrichtung fortzusetzen. Und wenn einmal der Wind fehlt, dann haften diese watteartigen Samen auch sehr gut in Fell. Ein Tiertaxi zur nächsten Wasserstelle findet sich immer.

Leicht verständlich, dass der Rohrkolben wie das Schilfrohr weltweit verbreitet ist. Viele Gewässerränder sind mehr oder weniger Monokulturen, trotzdem hat niemand den Rohrkolben auf dem Radar, wenn es um das Thema invasive Arten geht. Der Rohrkolben ist uns vertraut, er ist ein Einheimischer, kein Gebietsfremder. Er muss sich deshalb auch nicht an die entsprechende EU-Verordnung Nr. 1143 vom 22. Oktober 2014 halten: „Diese Verordnung gilt für alle invasiven gebietsfremden Arten.“*) Die Formulierung gefällt mir, sie erinnert mich an die mittelalterlichen Tierprozesse, als man ungebührliche Schweine noch gehängt hat – nicht zuletzt, um andere Artgenossen abzuschrecken. Und wie lange bleibt man eigentlich gebietsfremd? Wie lange wird der Japanische Staudenknöterich wohl für seine Integration brauchen?

Im Gartenteich ist der Rohrkolben jedenfalls sehr praktisch. Sein schnelles Wachstum entzieht dem Wasser viel an Nährstoffen und hat die Reinigungskraft einer kleinen Käranlage. Dafür muss man einmal im Jahr ins Wasser steigen und einen Teil der sich ausbreitenden Pflanzen entnehmen. Das geht aber relativ einfach. Die fingerdicken Rhizome muss man übrigens nicht wegschmeißen. Die enthalten viel Stärke und lassen sich angeblich wie Gemüse kochen oder zu Mehl verarbeiten – man kann aber stattdessen auch einfach Gemüse oder Mehl verwenden.


*) EU VO Nr.1143/2014, S. 40

7 Kommentare zu „Die Rohrkolbeninvasion

  1. Bei mir wachsen auch gekaufte Pflanzen nicht an oder kümmern Jahrelang vor sich hin, während solche, die ich irgendwo gefunden habe, sich schnell breit machen.
    Ja, Rohrkolben-Rhizome sollen angeblich Kartoffeln ersetzen können. Kannst ja mal bei der nächsten Ernte einen heroischen Selbsttest machen.

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    1. Den Selbsttest mache ich sicher noch. Wer weiß, vielleicht schmeckt es ja. Obwohl, allzu viel Hoffnung mache ich mir nicht. Es gibt einfach zu viele Rohrkolben. Wenn die schmecken würde, wären sie seltener.

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      1. Ich glaube einfach, dass die meisten Leute nicht mehr wissen, was man alles so aus der Natur essen kann. Gibt ja alles im Supermarkt. Und viele Rohrkolben bedeutet ja auch meistens irgendwie unter Naturschutz. Da ist es wirklich besser, wenn nicht jeder Hans und Franz sich bedient.

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      2. Es gibt sogar Bärlauch bei uns im Supermarkt. Den holen sie dir dann aber auch nur aus der Praterau. Wenn ich mir im März, April meinen für die Suppe hole, sehe ich immer die Profis beim Pflücken. Prinzipiell ist es natürlich besser, wenn nicht jeder sein Essen aus der Natur holt. Die Pilze leiden unter den professionellen Sammlern. Der Bärlauch wird aber nicht weniger, und beim Rohrkolben habe ich irgendwie den Verdacht, dass der nicht besonders schmeckt. Aber ausprobieren werde ich es trotzdem einmal. Es soll Wildschweine im Schilfgürtel des Neusiedler Sees geben. Vielleicht wissen die ja mehr. Sollte das ein kulinarischer Erfolg werden, kann ich ja anschließend meine Rhizome im Supermarkt verkaufen.

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    1. Danke. Für Feedback und Tippfehler. Ich sehe jetzt in Gedanken die nächsten Leser, die den Fehler suchen und ihn nicht mehr finden. Ich bin jedenfalls dankbar für jeden korrigierten Tippfehler, weil ich weiß, dass mir die Finger allzu oft durcheinander kommen. 😉

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