Wenn Blumen auf Besuch kommen

Sumpf-Weideröschen

Der folgende Beitrag wartet seit Juli im Entwurfsordner. Das liegt daran, dass er zu einer kleinen, vierteiligen Serie über Wasserpflanzen gehört, für deren letzten Beitrag ich ein Foto vom Rohrkolben benötigte, das sich nur im Winter machen lässt. Begonnen hat alles mit einer kleinen, unscheinbaren Blume am Teichrand, von der ich mir nicht erklären konnte, woher sie kam.

Ein Gartenteich zieht ja sehr schnell die für ihn typischen Bewohner an. Libellen, Mücken, Kröten, Eintagsfliegen, Wasserläufer, Rückenschwimmer – innerhalb von kürzester Zeit herrscht hier reges Treiben an spezifischem Wassergetier. Aber woher kommen die Pflanzen? Muss man die alle im Gartencenter besorgen, oder können die auch wandern? Oh ja, die sind sogar richtig fix unterwegs! Als botanisch eher Unbedarftem war mir nicht bewusst, wie zielstrebig einzelne Arten einen neuen Lebensraum besiedeln können. Als würden sie sich aufs Wasser zubewegen wie die Kröten im Frühjahr.

Sumpf-WeideröschenDie Augen geöffnet hat mir das Sumpf-Weideröschen. Es war irgendwann einfach da, und es wächst nur rund um den Teich. Mit den Füßen steht es quasi immer im Wasser, gerade mal so viel, dass die Zehen nass sind, nicht mehr.

Zuerst habe ich es für Unkraut gehalten, irgend etwas Invasives wie die Goldrute oder so, aber bevor die Blüten keine genaue Bestimmung zulassen, wird nichts ausgerissen. Und dann waren da plötzlich diese kleinen Röschen, zu denen mein Bestimmungsbuch Sumpf-Weideröschen gesagt hat – eine Wasserpflanze also. Ich war erstaunt. Wo kam sie her und wie hatte sie das gemacht?

Sumpf-Weideröschen SamenRundum sind die Gärten trocken. Feuchtwiesen und Teiche sehe ich nicht, wenn ich über den Zaun blicke, also wird die kleine Blume wohl mehrere hundert Meter gewandert sein, um uns zu besuchen. Mit etwas Geduld findet man auch schnell heraus, wer ihr dabei geholfen hat, denn aus den Blüten werden nach einiger Zeit Samen, die windempfindlich sind wie Löwenzahn.

Das Sumpf-Weideröschen ist ein Windstreuer. Trotzdem faszinierend, dass es so zielsicher den Gartenteich angesteuert hat. Als wäre eine bewusste Absicht dahinter. Ist es eigentlich auch: Die Pflanze hat sich im Laufe ihrer Evolution mehrere Tricks angeeignet. Zunächst einmal produziert sie sehr viele Samen. Viele Tierarten haben die gleiche Strategie. Eine Erdkröte laicht ja auch mehrere Tausend Eier ab und mit viel Glück gelingt es einer Handvoll Exemplaren, sich später weiter zu vermehren. Und wenn man genug Samen auf die Reise schickt, wird schon irgend einer an der richtigen Stelle landen, damit die austreibende Pflanze dann genau mit den Füßen im Wasser steht.

Es ist aber nicht nur Zufall, denn der Flugsamen, der auf dem Wasser landet, geht nicht gleich unter, sondern treibt, bis er sich am Gewässerrand verfängt. Und dort will das Sumpf-Weideröschen anscheinend hin. Es kann aber noch mehr: Um die trockenen Flächen zu überwinden, bildet es eine kleinwüchsige Variante, die kaum knöchelhoch wächst, aber zumindest Blüten und Samen hervorbringt, die dann weiterfliegen bis zur nächsten Feuchtwiese, wo die Pflanze wieder hüfthoch wächst. Wobei man anmerken muss, dass es zirka 190 Weideröschenarten gibt, die man schwer unterscheiden kann, aber die in unserem Garten sehen zumindest meiner Meinung nach alle exakt gleich aus.

Nicht immer wandern Pflanzen mit dem Wind. Ein Kirschkern nimmt beispielsweise den Vogel. Der transportiert auch schwerere Samen. Für dieses Service muss der Baum aber einen Zuckerstoß in Form von Fruchtfleisch rundherum packen. Diesen Aufwand leisten sich Wasserpflanzen relativ selten. Die meisten Gewässer übernehmen den Transport von Schwimmfracht schließlich gratis. Aber das ist schon die Überleitung zur nächsten Pflanze.