Sympathische Mücken

Kammschnake

Ich lese gerade das empfehlenswerte Buch „Vom Leben im Totholz“. Der durch die Krefeld Studie bekannt gewordene Entomologe Thomas Hörren widmet sich darin den Xylobionten, also jenen Arten, die in und von Holz leben. Dazu gehören auch die Kammschnaken – große und oft auffällig gemusterte Mücken, deren Larven sich in verrottendem Holz entwickeln. Ihr Auftreten gilt als Hinweis für strukturreiche Wälder, in denen nicht jeder abgestorbene Baum sofort entfernt wird.1

Anscheinend gefallen diesen Kammschnaken auch naturbelassene Gärten, denn während ich das Buch zur Seite lege und eine kleine Runde ums Haus mache, begegnet mir folgendes Prachtexemplar:

Das ist wahrscheinlich eine weibliche Ctenophora pectinicornis. Die Art ist so selten, dass sie nicht einmal einen deutschen Wikipedia-Eintrag hat, aber dafür einen bei Pflanzwas im Blog „Natur auf dem Balkon“. So klein ist die digitale Welt.

Die Imagos ernähren sich von Nektar und Honigtau, die Larven, wie gesagt, von Holzabfällen. Man kann also auch ganz ohne Blut eine stattliche, schöne Schnake werden. Sehr sympathisch.


  1. Thomas Hörren: Vom Leben im Totholz. Die verborgene Welt von Insekten und anderen Lebewesen. – Residenz Verlag 2025, S. 27f ↩︎

Ein Frühaufsteher

Maikäfer

Der folgende Käfer lag gestern, am 19. April, im Garten auf dem Rücken. Wir waren beide etwas verwirrt.

Einen Maikäfer habe ich hier noch nie gesehen, und Mitte April ist es für ihn wahrscheinlich auch etwas zu früh. Wenn er sich auf den Klimawandel verlassen hat, dann hat er sich dieses Jahr geirrt. Der Frühling war bislang nicht allzu warm, die Kirschblüte beginnt bei uns gerade erst, und von Mailuft sind wir noch etwas entfernt.

Von den drei Jahren, die so ein Tier lebt, verbringt es nur vier bis sechs Wochen als fertiges Insekt. In dieser Zeit muss es sich vermehren und vor Fressfeinden schützen, denn die großen Käfer sind ein beliebtes Futter. Man kann sie roh, kandiert und als Suppe genießen – oder man lässt sie den tierischen Abnehmern.

Die Maikäfer haben eine interessante Strategie gegen ihre Fressfeinde entwickelt: Sie treten periodisch in Massen auf. Das hat relativ lange gut funktioniert, bis das DDT entwickelt wurde. Ich vermute, die Suppe war nicht schmackhaft genug, sonst hätte man die Hauptzutat kaum vom Flugzeug aus mit Gift besprüht.

Das Einzelexemplar in unserem Garten wird aber hauptsächlich damit Probleme haben, einen Partner zu finden, denn viele Maikäfer gibt es in unserer Gegend wohl nicht.

Gemeinsame Ernte

Großer Kohlweißling Raupe

Fünf stattliche Brokkolipflanzen stehen bei uns noch im Beet in der Herbstsonne. Pro Woche ernten wir eine Schüssel Röschen, die herrlich schmecken und beim Kochen kaum Kohlgeruch entfalten, weil sie ganz frisch im Topf landen.

Auch der auf dem ersten Bild im Hintergrund platzierte Kohlrabi hat es bis zur Erntereife geschafft. Die in einem früheren Beitrag geschilderte Attacke durch Raupen des Kleinen Kohlweißlings haben die Pflanzen gut weggesteckt. Moderates Abklauben hat als kleine Hilfestellung gereicht.

Der Brokkoli beherbergt mittlerweile die größeren Kollegen. Im Gegensatz zu den einfärgig grünen Raupen des Kleinen Kohlweißlings ist die Larvenform des Großen Kohlweißlings gelb mit dunklen Flecken.

Das Abklauben spare ich mir in diesem Fall. Die Brokkolipflanzen sind groß genug, um die Schäden zu verkraften, und die Raupen interessieren sich hauptsächlich für die Blätter, während wir die jungen Blüten ernten.

Im Moment haben die zukünftigen Falter kaum Fressfeinde. Die Singvögel interessieren sich im Herbst weniger für Proteine und mehr für fettige Samen und Früchte. Damit kommen die Vögel gut genährt durch den Winter, und im nächsten Frühjahr werden sie die Nachkommen dieser Kohlweißlinggeneration als Wachstumsfutter an ihre Jungen verfüttern. Die Raupen, die jetzt noch auf unseren Gemüseresten unterwegs sind, überwintern wahrscheinlich als Puppe und bilden dann im nächsten Jahr die erste Generation der Schmetterlinge.

Die grüne Reiswanze

Grüne Reiswanze

Bislang waren einfärbig grüne Wanzen bei uns im Garten immer Stinkwanzen. Dieses Jahr haben sie eingewanderte Konkurrenz bekommen. Die invasive Grüne Reiswanze ist dabei von der einheimischen Grünen Stinkwanze kaum zu unterscheiden. Auf der folgenden Gegenüberstellung sieht man auf dem ersten Bild, dass die Reiswanze drei kleine weiße Punkte am vorderen Rand des Scutellums hat, die der Stinkwanze auf dem zweiten Bild fehlen.

Bei den ausgewachsenen Exemplaren sind diese drei Punkte oft das einzige Unterscheidungsmerkmal. Die restliche Färbung ist so variabel, dass man die beiden Arten leicht verwechseln kann.

Untrüglich ist aber die im Unschärfebereich des Makros kaum erkennbare Unterlage, auf der die Wanzen sitzen. Bei der heimischen Stinkwanze ist es ein harmloser Zweig, während die Reiswanze sich gerade an unserem Brokkoli gütlich tut. Der Zuwanderer aus Ostafrika ist ein Schädling und breitet sich vom Mittelmeerraum nach Norden aus. Das hat einerseits mit dem Klimawandel zu tun, der es der wärmeliebenden Art immer leichter macht, andererseits korreliert die Ausbreitung bei uns nicht zufällig mit dem verstärkten Anbau von Sojabohnen. Die Reiswanzen schädigen aber quer durch auch eine ganze Reihe anderer Gemüse- und Obstpflanzen.

Schön sind die verschiedenen Nymphenstadien. Hier sieht man die letzte Phase vor der Häutung zum fertigen Insekt. Aber bevor jetzt jemand angesichts der kunstvollen Zeichnung in Verzückung gerät: Auch diese Exemplare habe ich auf einer Brokkolipflanze entdeckt.

Die Grünen Reiswanzen waren bislang Einzelfunde, über Schäden am Gemüse kann ich mich deshalb noch nicht beschweren. Es gibt allerdings einen weiteren Unterschied zur Stinkwanze: Die Gelege sind deutlich größer, und die Reiswanze schafft bei günstigen Bedingungen bis zu vier Generationen pro Jahr, während sich die heimische Art auf einen Fortpfanzungszyklus beschränkt.

Sonntags wird gebetet

Gottesanbeterin

Gottesanbeterinnen kommen eigentlich aus dem Süden, und sie mögen es im Frühjahr warm. 500 Meter über dem Meeresspiegel sind ihnen dafür fast schon ein bisschen zu hoch, deshalb sind sie bei uns wirklich selten. Dieses Exemplar flog um die Mittagszeit an mir vorüber und erregte so meine Aufmerksamkeit.

Korrekt müsste man wahrscheinlich Gottesanbeter sagen, denn der geschickte, kontrollierte Flug, die zierliche Gestalt und die drei deutlich abgesetzten Ocellen auf der Stirn deuten darauf hin, dass es sich bei diesem Exemplar um ein Männchen handelt.

Falls es um diese Jahreszeit schon seine Gene weitergegeben hat, dann hatte es Glück. Viele Männchen sind nach der Paarung nicht mehr so munter. Sie werden von den Weibchen gern gefressen. Das mag für das einzelne Individuum tragisch sein, erhöht aber die Chancen, dass die Art erhalten bleibt. Schließlich kann das Weibchen die zusätzliche Nahrung gut gebrauchen, um möglichst viele Eier zu produzieren. Männchen, die sich beim Paarungsakt als Snack anbieten, geben deshalb ihre Gene mit einer höheren Wahrscheinlichkeit weiter.

Fluchtdistanz hatte das abgebildete Exemplar keine, stattdessen machte es jedes Mal, wenn ich mich mit der Kamera näherte, die üblichen Fangbewegungen, die den Tieren ihren Namen geben. Ich ließ mich aber nicht erwischen, machte meine Fotos und verzog mich dann wieder, um das Insekt nicht weiter bei der Jagd zu stören.