Akrobat im Apfelbaum

Neulich musste ich an einem Morgen nach durchregneter Nacht an die Witwe Bolte denken: „Meines Lebens schönster Traum hängt an diesem Apfelbaum!“, kam mir in den Sinn, als ich plötzlich zwei Schnecken frei schwebend in der Luft hängen sah.

Der Anblick war eher bizarr als schön und traumhaft. Nur vom Apfelbaum hingen die beiden Tigerschnegel wirklich. Eins von drei ist eine schlechte Quote, dachte ich mir, aber statt nach einem passenderen Zitat suchte ich lieber nach meiner Kamera.

Die nächsten zwanzig Minuten kamen mir vor wie fünf. Was ich sah, war eine atemberaubende Bewegungsorgie in Schleim. Ich wusste nicht, dass Schnecken so schnell sein können. Es war ein permanentes Drehen und Winden, das einer geheimen Choreografie zu folgen schien. Und darunter bewegten sich zwei weiße Astralleiber aus Schleim, als hätten sie ihr Eigenleben.

Tigerschnegel gelten ja als die Nützlinge unter den Naktschnecken. Sie verschmähen das Gemüse und plündern lieber die Gelege anderer Schnecken. Ersteres kann ich bestätigen, denn ich habe noch nie einen Tigerschnegel an unserem Gemüse knabbern sehen, für zweiteres fehlt mir noch der zwingende Beweis. Wir haben haufenweise Tigerschnegel in unserem Garten, aber die Wegschnecken werden dadurch nicht weniger.

Faktum ist jedenfalls: Sie sind die Akrobaten unter den Schnecken. Ihr Drahtseilakt ist atemberaubend. Am Ende folgt noch ein Überraschungseffekt. Sie trennen sich in unterschiedliche Richtungen. Der eine Tigerschnegel klettert am Schleimfaden nach oben, der andere lässt sich in den weichen Rasenschnitt fallen, mit dem die Baumscheibe gemulcht ist.

Bleibt nur noch die Frage: Was zum Teufel war das? Und warum? Das ließe sich sicher recherchieren, aber ich will es lieber mit einer psychologischen Erklärung versuchen: Wenn man als Schnecke Nacht für Nacht über den Erdboden kriecht, die Stilaugen in die Luft gestreckt, dann beobachtet man neiderfüllt die Abendvögel, die Nachtfalter und die Fledermäuse und wünscht sich, selbst einmal den Luftraum erobern zu können.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg und man findet eine Lösung: Zu zweit sollte es möglich sein, einen Schleimfaden zu spinnen, der stark genug ist, beide Tigerschnegel zu tragen. Und dann schwingen sich die Schnecken doch tatsächlich in die Luft. Werden für einen Augenblick ihres Lebens selbst zu Flugakrobaten. Sind schwerelos. Vögeln gleich.


Webtipp:
Wer jetzt genau wissen möchte, was es mit diesem bizarren Tanz der Tigerschnegel auf sich hat, findet im Hollergarten-Blog eine ausführliche Punkt-für-Punkt-Darstellung des Ablaufs mit sehr schönen Illustrationen. Den Beitrag kannte ich natürlich schon vorher und auch die Beschreibungen aus den einschlägigen Gartenbüchern, aber es ist dann trotzdem überraschend, dass sich diese Choregrafie wirklich Schritt für Schritt so abspielt.

24 Kommentare zu „Akrobat im Apfelbaum

    1. Das habe ich mir auch gedacht, als ich es gesehen habe, obwohl ich von diesem Verhalten vorher schon gelesen habe. Es ist erstaunlich gewesen.
      Liebe Grüße, Richard

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  1. Guten Morgen Richard.
    Vielen Dank für den Link.
    Ist wirklich sehr interessant was manche Tiere so treiben.
    Nur schade das nicht angegeben war wie lange solch ein Schauspiel dauert.
    Sind die Schnecken ja nicht wirklich die Schnellsten.
    LG, Nati

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    1. Das Prozedere davor, also die Verfolgung der einen Schnecke durch die andere, habe ich nicht mitverfolgt. Das kann länger dauern. Die Paarung selbst dauert eine knappe halbe Stunde. Es war sehr erstaunlich, wie schnell die Schnecken das abwickelten. Und man verliert das Zeitgefühl. Die Kamera schreibt halt mit, sonst würde ich jetzt sagen, nach ein paar Minuten ist alles vorbei.
      Liebe Grüße, Richard

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    1. Nein, der untere hat sich einfach fallen lassen. Alleine hatte der keinen Schleimfaden. Siehst du, schon sind die Bilder weg. Es war alles nur ein Missverständnis. Gut, dass ich da noch einmal die Kurve kratzen konnte. Ich will ja keine bleibenden Schäden hinterlassen. 😉

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    1. Bei uns klettern sie an verregneten Abenden die Hausmauer hoch, aber ich war noch nie versucht, mich mit dem Schirm daneben zu stellen. Umso mehr hat mich gefreut, dass sie für dieses Kunststück ausnahmsweise mal die Morgenstunde gewählt haben. In der aufgehenden Sonne war das auch leichter zu fotografieren.

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    1. Ja die Parallele ist gar nicht so verkehrt. Sogar an die Sicherheitsvorkehrungen haben sie gedacht und sich einen Platz mit reichlich Rasenmulch als Netz darunter gesucht. Professionell wie im Zirkus.

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    1. Man könnte natürlich sagen, die machen das, weil sie es können und weil es ihnen so Spaß macht. Wird vielleicht auch was dran sein, aber ich denke, es muss auch einen Selektionsdruck, irgend einen Vorteil geben, damit die Evolution sich sowas ausdenkt. Ich glaube, die sind so frei beweglich einfach schneller, und damit weniger gefährdet durch Fressfeinde. In der Nacht fliegen auch kaum Vögel, und der Igel wird nicht auf den Baum klettern.

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  2. Das ist ja spannend! Ganz schön kompliziert, was die da machen. Und mich hält es kaum noch auf dem Stuhl, schließlich haben wir sowohl Nacktschnecken als auch den Apfelbaum im Garten, vielleicht seh ich das ja auch mal 😉

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