Sommermorgen mit Hamster

Feldhamster

Wenn man im Sommer über den Meidlinger Friedhof spaziert, bietet sich einem ein ganz anderes Bild als bei meinem letzten Besuch im November. Damals musste man die kleinen Nager suchen, und jetzt stolpert man schon am Eingang über sie. Man weiß bei dem ganzen Gewusel gar nicht, in welche Richtung man zuerst fotografieren soll.

Feldhamster sind nicht nur vorsichtig, sie sind auch neugierig und beobachten einen sehr genau, wenn man sich ihnen nähert. Portraitaufnahmen aus zwei Meter Entfernung sind kein Problem, und wenn man noch einen Schritt näher macht, entdeckt man auch den Grund: Die kleinen Schlaumeier stehen prinzipiell neben ihrem Baueingang und verschwinden im letzten Moment unter der Erde.

Wenn man sich ansieht, mit wie vielen Löchern das Areal hier überzogen ist, fragt man sich, warum Hamster anderswo als bedroht gelten. Selbstverständlich haben die Tiere auch in der Stadt Fressfeinde, selbst Füchse werden immer wieder gesichtet, aber die Nager können die Verluste durch ihre Reproduktionsrate problemlos ausgleichen. Von Vorteil ist dabei ihre Vorratswirtschaft. Im Gegensatz zu den Zieseln halten Hamster keinen Winterschlaf und können so früher im Jahr mit der Fortpflanzung beginnen.

Eine nicht unwesentliche Rolle spielt wahrscheinlich auch der Zaun, der den Meidlinger Friedhof umgibt. Er hat untenrum einen kleinen Spalt. Meiner Meinung nach müsste so ein Schlurfspalt in jeder Bauordnung vorgeschrieben sein. Durch ihn ist der Friedhof perfekt an die übrige grüne Infrastruktur der Stadt angebunden. Anrainer haben mir von Hamstern berichtet, die in der Nähe unter Autos herumhuschen, und ich habe selbst ein totes Tier auf der Straße liegen sehen. Solche Opfer des Verkehrs sind traurig, aber wichtiger ist, dass sich die benachbarten Hamsterpopulationen austauschen können.

Bei meinem morgendlichen Besuch bin ich fast alleine. Eine ältere Dame bei der Grabpflege, eine junge Fotografin, die auf dem Display ihre Aufnahmen durchsieht, und ein Friedhofsarbeiter oder Gärtner in einem weißen Lieferwagen. Er ruft mir durchs offene Fenster im Vorbeifahren etwas zu. Als ich nachfrage, bleibt er stehen, stellt den Motor ab und steigt aus, um mir einen Hamster zu zeigen, der zwischen den Gräbern genüsslich frisst. Ein putziges Motiv, ich bedanke mich und mache anschließend eine Aufnahme von dem Tier. Aber wichtiger als das Foto ist in diesem Moment die emotionale Botschaft zwischen den Zeilen: Der Arbeiter hat genau die gleiche kindliche Freude an der Beobachtung der Nager wie ich. Und das ist wahrscheinlich das Wichtigste für die Überlebenschancen der Natur in der Stadt – es braucht Menschen, die sich für sie interessieren und denen solche kleinen Beobachtungen unmittelbare Freude bereiten.